Zertifikat für (gutes) Benehmen
Damit wir auch nächstes Jahr legal in Namibia arbeiten können, muss ich meine Arbeitsbewilligung und die Visa für alle Familienmitglieder verlängern lassen. Uns wurde mitgeteilt dass wir unter anderem ein local police clearance form mit Fingerabdrücken einsenden müssen. Es sollte keine grosse Sache sein, dies zu bekommen. Gesagt, getan.
Nachdem ich in Oshakati auf der Polizeistation trotz den unzähligen das richtige Büro gefunden hatte, erklärte ich was ich wollte und erhielt eine unmotivierte Antwort, dass das N$30 koste und ich eine Kopie des Passes oder meiner ID mitliefern müsse. Nun gut, ich machte mich auf den Weg in die Apotheke, denn Kopien macht man bei uns am Besten dort.
Kurze Zeit später klopfte ich wieder bei der Polizei an. Mir wurde ein Formular ausgehändigt mit dem ich zu einem Leonard geschickt wurde. Diesen würde ich draussen unter dem grossen Baum finden. Dort war er aber nicht, aber nach kurzem herumfragen wurde ich wieder zurück ins Gebäude geschickt, wo mir ein Mann von einer Werkbank her zuwinkte.
Als ich näher trat wurde mir bewusst, was mich erwartete: Die Finger alle schön einschwärzen und aufs Papier drücken. Somit wurde jeder Finger einzeln eingefärbt und aufs Papier gedrückt, natürlich nicht selber, sondern ich durfte einfach meine Hand ausstrecken und alles ging fremdgesteuert weiter. Einmal war aber nicht genug. Beim zweiten Mal wurde die ganze Hand eingefärbt und ich konnte sie aufs Papier klatschen, dann noch beide Daumen.
Nach getaner Schmiererei gab mir der Beamte einen Spachtel voll Seife und zeigte mir den Gartenschlauch im Innenhof, wo ich die Hände abspülen konnte. Ich staunte nicht schlecht, als mir eine Angestellte die Hände abspülte. Die Farbe war von besserer Qualität als die Seife und so lief ich trotz eifrigem Händewaschen den ganzen restlichen Tag mit geschwärzten Händen herum.
Zurück im Polizeibüro nahm ich an, dass ich kurz davor war, das gewünschte Formular in den Händen zu halten. Meine Stimmung heiterte sich auf und ich liess mich auf einen Schwatz mit den anwesenden Beamtinnen ein. Als ich sagte, dass ich aus der Schweiz sei, erhielt ich einen spontanen Heiratsantrag der wohl mehr mit meinem Herkunftsland als mit mir zu tun hatte. Nachdem ich ihr meinen Zivilstand erklärte und darauf hinwies, dass Scheinheirat in der Schweiz mittlerweile hart bestraft werde, verlor sie das Interesse, ebenfalls ziemlich spontan.
Die Beamtin, die mein Dokument bearbeitete wies in einem Nebensatz darauf hin, dass ich in 6 Monaten wieder vorbeikommen sollte, um das gewünschte Dokument abzuholen. Da in einem halben Jahr unser Visum längst abgelaufen sein wird, ergriff mich leichte Panik. Auf Nachfrage erklärte mir die Frau, dass ich die Fingerabdrücke auch direkt per Kurier nach Windheok schicken könne. Ich meinte natürlich ans Home Affairs, welches unsere Visa ausstellt, musste mich aber belehren lassen, dass die Polizei in Windheok ein certificate of conduct ausstellen würde, welches wiederum nach Oshakati geschickt würde, damit ich es wieder ins 800km entfernte Windheok schicken kann. Das “Zertifikat für (gutes) Benehmen” ist wohl dasselbe wie ein Strafregisterauszug in der Schweiz, deshalb benahm ich mich ganz anständig. Die Panik nahm etwas ab, als ich erfuhr, dass ich in 3 bis 4 Wochen wieder kommen könnte, um das Dokument abzuholen. Wir werden sehen.
Einen bleibenden Eindruck hinterliess die Menge an Angestellten, die für zum Teil einzelne Aufgaben zuständig sind, wie zum Beispiel Hände abspülen oder fürs Daraufhinweisen, dass man bitte nicht über den offenen Elektroschacht gehen solle, sondern in grossem Bogen darum herum. Aus Schweizer Sicht erscheint das ineffizient und als Verschleuderung von Steuergeldern, in Anbetracht der hohen Arbeitslosigkeit und des tiefen Lohnniveaus macht das aber hier ganz ordentlich Sinn.
Januar 16th, 2009 at 19:34
Mit geschwärzten Händen durch die Gegend laufen, nicht so ganz sicher sein, was als nächstes kommt. Jeder hat Zeit für einen Schwatz. So anders, wie Sachen in Namibia angepackt werden-und so spannend und sicher nicht langweilig. Ich vermisse solche Situationen hier in der CH richtiggehend! Anfänglich kann’s ganz schön nerven, aber mit der Zeit hab ich’s sogar geniessen können. Echt! Liebe Grüsse und viele Genüsse für Euch.
Jlona Wyrsch (2000-2005 für Interteam mit Family im Kavango)