Etosha – mal anders
Als kleines Dankeschön für all die gemeinsame Arbeit und für die Freundschaft lud ich vier Einheimische auf einen Tagesausflug in den Etoscha Nationalpark ein. Mit kleinen Augen trafen wir uns um sechs in der Früh und fuhren schweigend und dösend Richtung Eingangstor. Doch die Müdigkeit wich schon bald einem grossen Entzücken als wir bereits beim ersten Wasserloch Gnus, Giraffen, Zebras, weitere Antilopen und Warzenschweine entdeckten. Für Maria und Nuuyoma war es der erste Besuch in der Etoscha, für Albertina erst der zweite und so war die Begeisterung und das Staunen gross. Wie kleine Kinder tauschten sie über Gesehenes aus und machten sich auf alles Mögliche aufmerksam. Diese Freude steckte auch mich an. Bei Meme Iyambo (siehe Rundbrief Nr. 6) weckte dieser Besuch viele Erinnerungen. So begann sie schon bald von früheren Zeiten zu erzählen, als Gnuherden noch in der Ovamboregion umherzogen und bei den Einheimischen jeweils ein grosses Jagdfieber auslösten. Kaum wurde ein Gnu gesichtet zogen Männer und Knaben mit Pfeil und Bogen los um ihr Glück zu versuchen. Bei einem erfolgreichen Ausgang zog eine Begeisterung durchs Dorf und ein grosses Festessen konnte beginnen.
Kurze Zeit später begegneten wir einer grösseren Elefantenherde, die zielstrebig auf das nächste Wasserloch zusteuerte. Andächtig bewunderten wir diese Riesen, die wie kleine Ballerinas ums Wasser tänzelten und sich Wasser anspritzten. Während dem Beobachten erzählten mir die vier abwechslungsweise eine traditionelle Geschichte, die an den abendlichen Runden ums Feuer erzählt wird: Wenn sich ein Kind draussen auf dem Feld verirrt, nicht mehr nach Hause findet und erschöpft im Schatten einer Palme einschläft, taucht ein Elefant auf. Der Elefant legt sorgfältig den Rüssel um das Kind und bettet es fürsorglich in sein Ohr. Der Elefant macht sich auf den Weg in die Nähe einer Siedlung und legt das Kind vorsichtig an einer Stelle nieder, wo es die Menschen finden werden.
Während der weiteren Fahrt erzählte uns Meme Iyambo von ihren persönlichen Erfahrungen mit den Wildtieren. Denn während der Zeit des Unabhängigkeitskampfes lebte sie mehrheitlich im Busch in Sambia, Angola oder Namibia und eine Begegnung mit den Tieren war nicht zu vermeiden. Besonders vor den Elefanten hatte sie enormen Respekt, denn die können ganze Dörfer in ihrer Wut zerstören. Aber auch beim Anblick eines Kudus ermahnte sie mich langsamer zu fahren, denn die können in ihrer panischen Flucht in das Auto springen und einen tragischen Unfall verursachen. Während all diesen Jahren im Krieg, erhielten sie von der Regierung ein gewisses Kontingent Wildtiere, die sie sich zum Verzehr schiessen durften. Auf meine Frage hin, welches den das beste Fleisch sei, antwortete sie sofort, das Elefantenfleisch. Ah, das sei jeweils ein Fest gewesen. Wenn ein Elefant erlegt war, mussten jeweils alle ausrücken um das viele Fleisch ins Lager zu transportieren und dann wurden endlich alle wieder mal satt. Eines der wenigen Tiere die Meme Iyambo noch nie gejagt und gegessen hat ist das Nashorn. Es entbrannte eine angeregte Diskussion im Auto ob das Fleisch eines Nashorns schlichtwegs nicht geniessbar ist oder ob es schon immer nur wenige davon gegeben hat, so dass diese nie zur Jagd freigegeben wurden.
An einem weiteren Wasserloch entdeckten wir eine Herde Impalas und sogleich wurde mir der Auftrag gegeben das Wort “Ombambini” nachzusagen. Etwas irritiert wiederholte ich es und nun erzählten sie mir, dass dies Nathan Glück bringen werde. Ein alter Brauch sagt, dass wenn jemand ein Impala gesehen hat, er zu Hause allen davon erzählen soll und diejenigen das Oshivambo Wort für Impala wiederholen sollen. Dies bringt Glück für alle Kinder in der Familie. Falls jemand früher ein Impala erlegte, musste er ein bestimmtes Stück Fell mit nach Hause bringen und es den Leuten präsentieren. Bei Berührung dieses Felles werden wiederum alle Kinder mit viel Glück beschenkt.
Leider zeigte sich uns den ganzen Tag über kein Löwe, obschon uns allen die Augen schmerzten vor lauter Suche. Doch auch so waren wir alle glücklich und zufrieden mit diesem Tag. All diese Erzählungen und Bräuche ihrer Kultur trage ich nun wie einen Schatz mit mir. Denn normalerweise erzählen sie mir solche Geschichten nicht, auch wenn ich bereits öfters danach gefragt habe. Ich vermute, dass sie das Gefühl haben all diese Erzählungen und Erinnerungen seien es heutzutage nicht mehr wert erzählt zu werden, schon gar nicht Aussenstehenden. Und so wird mir dieser Tag als besonderer Kulturaustausch in Erinnerung bleiben.
Nicht auf dem Bild ist Meme Iyambo.
