Das Wunder von Elim
Im letzen Jahr versuchte ich als Teil meiner Arbeit herauszufinden, was hier im Norden Namibias eine gute Schule und was eine nicht so gute Schule ausmacht. Dabei kam ich auf sehr unterschiedliche Ergebnisse, wie zu wenig Pausen, einseitige Unterrichtsformen, zu wenig qualifizierte Lehrpersonen, zu wenig Geld, fehlende Infrastruktur wie Strom, Telefon und Räume, die ein effizientes Arbeiten erst ermöglichen und so weiter. Es fehlt an vielem, was in Schweizer Schulen zum minimalen Standard gehört. Andere Beobachter führen Erfolg und Misserfolg auf die vorhandene oder nicht vorhandene Disziplin unter Schülern und Lehrkräften zurück, auch daran könnte etwas sein. Zumindest dachte ich dies bisher.
Theoretisch schliesst jeder Namibier das zehnte Schuljahr mit einer nationalen Abschlussprüfung ab. Diese ist dank einer ausführlichen Statistik relativ aufschlussreich über die Qualität der Schule und auch der einzelnen Lehrkräfte. Ein Grund für meinen Posten als Teacher Trainer ist der Umstand, dass in den nördlichen Regionen nur gerade 50% oder weniger der Lernenden diese Prüfung bestehen. Die Schule an der ich stationiert bin ist eine besonders berühmt berüchtigte und gehörte lange Jahre zu den dumping schools, den schlechtesten Schulen im ganzen Land überhaupt. 2005 ging es bereits etwas aufwärts, nachdem der Posten des Principals endlich wieder besetzt wurde.
Dieses Jahr habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich hörte, dass die Schule bei den letzten Prüfungen als eine der besten der Region abgeschnitten hat. Das Augen reiben über diesen kometenhaften Aufstieg hat lange angehalten und zieht Kreise bis weit über die Region heraus. Beim Suchen nach geeigneten Erklärungen musste ich plötzlich feststellen, dass ich wieder am gleichen Punkt wie vor einem knappen Jahr angelangt bin, als ich mit meiner Arbeit hier anfing. All die oben erwähnten Punkte die für eine gute Schule sprechen könnten, lassen sich hier nur zu einem Teil wieder finden. Der Unterricht unterscheidet sich nicht von dem an anderen Schulen, einige Schüler und Schülerinnen schlafen vor dem Ende des Unterrichts ein, da sie schon vor der Schule auf meist leeren Magen ein Programm absolvieren, bei dem jeder durchschnittliche Mitteleuropäer nach kurzer Zeit schlapp machen würde. Ausserdem besteht der Schulmorgen nur aus zwei kurzen Pausen. Auch hat die Belegschaft nicht grundlegend geändert, abgesehen von ein paar jungen Lehrkräfte die frisch ab Uni ihren Dienst antraten. Es gibt Schulen, die sind diesbezüglich einiges besser dran und leistungsmässig doch nicht besser.
Um dem Wunder von Elim etwas näher zu kommen, habe ich nun begonnen, die Lehrkräfte zu fragen, was sie denn denken. Beruhigenderweise schauen sie es nicht als Wunder an, aber so sicher ist sich trotzdem niemand. Einige schreiben den Erfolg dem neuen, aussergewöhnlich guten Principal zu, andere dem eingeführten Patensystem der Lehrkräfte für die Schüler der Klasse 10, die Dritten sind sprachlos aber berechtigterweise auch mächtig stolz. Für mich geht die Suche weiter. Als ich als letztes die dienstälteste Lehrerin nach ihren Erklärungen fragte, antwortete sie prompt: Wir haben ein ausgesprochen gutes Teamwork in unserem Kollegium. Vielleicht bin ich dem Wunder von Elim doch noch auf der Spur.