Schwedische Krimis und afrikanische Realität
Henning Mankell kann zu Recht als einer der bedeutendsten und faszinierendsten Schriftsteller der Gegenwart bezeichnet werden. Da sind einerseits seine düsteren Kriminalromane mit Kommissar Wallander, der ein genialer Ermittler ist, und gleichzeitig immer wieder über die eigene menschliche Schwäche stolpert, was ihn sehr sympathisch macht. Da sind andererseits Romane und Hintergrundberichte über das Leben im südlichen Afrika. Mankell, ein Schwede, lebt seit vielen Jahren in Mozambique mit zwischenzeitlichen Abstechern in sein ursprüngliches Heimatland.
Wenn wir eine allgemeine Liste zusammenstellen müssten über lesenswerte Bücher über Afrika würden die meisten wohl von diesem Schriftsteller stammen, deshalb widmen wir ihm einen eigenen Beitrag. Mankell schreibt in einfachen, klaren Sätzen und bringt damit eine sprachliche Intensität zu Stande die ihresgleichen sucht. Alle Bücher, die wir bisher gelesen haben, sind enorm berührend und gehen unter die Haut.
Eines dieser Bücher handelt vom Mädchen Sofia, die in den Bürgerkriegswirren in Mozambique ihre halbe Familie verliert und auf unglückliche Weise auf eine Mine tritt und ihre Beine aber nicht den Lebensmut verliert. Ein weiteres Buch, „Der Chronist der Winde“ bringt einem das Leben von Strassenkindern näher. Dies passiert aber nicht auf eine Art, die bewusst auf die Tränendrüsen drückt, einer sonst weit verbreiteten Unsitte bei diesem Thema. Traurig ist das Buch allemal, aber es erzählt auch von der Würde der Armen und von glücklichen, für uns unverständlichen Momenten.
In einem weiteren seiner Bücher gelingt es ihm ausgezeichnet, den Graben zwischen der europäischen und der afrikanischen Kultur aufzuzeichnen. „Die rote Antilope“ handelt von einem San Jungen, der der einzige Überlebende eines Massakers an seinem Stamm ist und von einem wohlmeinenden schwedischen Forscher und Missionar adoptiert wird. Er passt sich schnell an die neue Umgebung in Schweden an. Trotzdem bleibt in ihm der Wunsch, übers Wasser laufen zu lernen, damit er zurück nach Hause in die Kalahariwüste wandern kann.
Obwohl all diese Bücher mit literarischer Freiheit geschrieben sind, basiert jedes auf wahren Begebenheiten.
In „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ erfährt man sehr viel über die Auseinandersetzung von Mankell mit dem Thema Aids, es ist wohl das persönlichste Buch. Neben seinen Texten beinhaltet das Buch auch das Erinnerungsbuch einer an Aids erkrankten Frau, die alles Wissen über sich und ihre Familie aufschreibt, um ihrer Tochter auch nach dem Tod Erinnerungen zu hinterlassen. Mankell setzt sich sehr engagiert im Kampf gegen Aids ein und ist sich nicht zu schade, eigen Ängste einzugestehen, Missstände aufzuzeigen, eindeutig Schuldige zu benennen und mit Vorurteilen über diese menschliche Katastrophe aufzuräumen. Bei alldem bleibt er sehr sachlich.
Ein paar Auszüge aus dem Buch:
«Afrikanische Häuser auf dem Lande sind eine Huldigung an die Phantasie, wenn man so will. Aber natürlich sind sie in erster Linie ein Ausdruck der Armut und des Elends. Um die Häuser herum: kleine Gärten, Kieswege, die sich dahinschlängeln, angedeutete Zäune. Fast alle Fensterscheiben haben Löcher, hinter denen Gardinen flattern. Das Leben in diesen Dörfern geht langsam vor sich. Eile ist ein menschlicher Irrtum, der in der afrikanischen Provinz nicht sonderlich tief verwurzelt ist.»
«Ich erinnerte mich an ein Schild, das ich vor fünfzehn Jahren in Sambia gesehen hatte […] „Ich repariere Ihr Fahrrad, während mein Bruder Sie von Aids kuriert.“»
«In Schweden oder in einem Land wie Uganda an Aids erkrankt zu sein sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das gilt auf allen Gebieten. Auch was die Pflege betrifft. Auch was die Schmerzen betrifft.»
«Aber freilich habe ich die Geschichte von der europäischen Krankenschwester gehört, die hinausfuhr und in einem abgelegenen afrikanischen Dorf über HIV sprach. […]. Die Krankenschwester sprach dort über Kondome. Um zu zeigen, wie sie funktionieren, streckte sie zwei Finger in die Luft und streifte ein Kondom darüber. Woraufhin die Männer des Dorfs […] nach Hause gingen und ein Kondom über die Finger streiften, bevor sie ihre Frauen bestiegen. So kann man sich auf Kosten unbekannter afrikanischer Menschen lustig machen, auf rassistische Weise lustig machen. Aber natürlich ist es nicht Dummheit, die dazu führt, dass Menschen ein Kondom über die Finger streifen. Dahinter steht vielmehr die Tradition und das Erbe, das die Europäer dem afrikanischen Kontinent aufgezwungen haben. Dahinter steht eine goldene Regel, die in den vier Jahrhunderten des Kolonialismus vorherrschend war. Europa sagte: denkt nicht, macht einfach!»
«Aber die Gier und die Unmenschlichkeit sagen etwas über unsere Zeit aus. Was wir geschehen liessen. Und wie viele Millionen Menschen sterben mussten, bevor die Arzneimittel durch Nachahmermedikamente oder eingezogene Patente auch den ärmsten Menschen zugänglich gemacht wurden.»
Die Bücher:
Wallander, alle erschienen bei dtv und zsolnay verlag
Bücher über Sofia:
- Das Geheimnis des Feuers, Oetinger Verlag, ISBN 3-789-14211-5
Das Rätsel des Feuers, Oetinger Verlag, ISBN 3-789-14231-X
Der Chronist der Winde, dtv, ISBN 3-423-12964-6
Die rote Antilope, dtv, ISBN 3-423-13075-X
Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt, Zsolnay Verlag, ISBN 3-552-05297-6
Mehr Informationen zu Henning Mankell und seinen Büchern unter http://www.wallander.de/